Stigmatisierung der Großwohnsiedlung - Berechtigt oder Vorurteil?

Per-Albin-Hansson-Siedlung Ost - Dolores Stuttner
Per-Albin-Hansson-Siedlung Ost - Dolores Stuttner
Untersuchung der gängigsten Vorurteile gegenüber Großwohnsiedlungen sowie Beantwortung der Frage, ob diese ihre Berechtigung haben.

Unter einer Großwohnsiedlung wird ein Stadtteil verstanden, der über Geschosswohnbauten verfügt und in einem relativ kurzen Zeitraum entstanden ist. Die Bebauung weist eine gewisse Gleichförmigkeit auf und besitzt, in den meisten Fällen, mehr als 1.000 Wohneinheiten. Während sich jene Wohnsiedlungen zur Zeit ihrer Erbauung einer großen Beliebtheit erfreuten, werden sie heutzutage eher mit negativen Adjektiven besetzt. Dies ist durch mehrere Faktoren bedingt. Einer davon liegt in der zum Teil als unschön empfundenen Architektur begründet. Diese steht im Gegensatz zum Einfamilienhaus mit Garten, was noch immer als die erstrebenswerteste Wohnform gilt. Ein weiterer Grund ergibt auch aus dem Klischee, dass die Bewohner jener Siedlungen der sozialen Unterschicht angehören. Obwohl dies heute nicht mehr den Tatsachen entspricht, wird die Meinung über Großwohnsiedlungen hiervon noch immer negativ beeinflusst. Die größte Siedlung Österreichs ist mit rund 20.000 Einwohnern die Großfeldsiedlung im 21. Wiener Gemeindebezirk.

In welcher Form sich Vorurteile negativ auswirken können

Paradoxer Weise können negative Vorurteile über Siedlungen diese tatsächlich zu sozialen Brennpunkten machen. Durch ihren schlechten Ruf werden die Großwohnsiedlungen nämlich weitgehend gemieden, so dass diese nur von Personen besiedelt werden, die keine günstigere Wohnungsmöglichkeit finden. Somit kommt es zu der oben erwähnten Homogenität der Einwohnergruppen. Eine weitere Folge dessen stellt der Wegzug von besser verdienenden Personen dar. Dadurch kann es zu einem Geschäftssterben kommen, was mitunter zur Entstehung einer nicht funktionierenden Satellitenstadt führen kann. Hier dient vor allem die Stadt Paris als negatives Beispiel. Die schlechte Meinung über Großwohnsiedlungen kann ebenfalls für zunehmende Leerstände von Wohnhäusern verantwortlich sein. Dies kann, im Laufe der Jahre, mitunter zu fatalen Folgen führen.

Broken Windows Theorie

Durch die leer stehende Wohnhäuser in einer Großwohnsiedlung kann es dazu kommen, dass diese zunehmend sich selbst überlassen wird. Dies kann den Verfall eines ganzen Stadtviertels zur Folge haben, was die Broken-Windows-Theorie verdeutlicht. Jenes Konzept besagt, dass ein unbedeutendes Phänomen, wie beispielsweise ein sichtbar beschädigtes Fenster, zur Verwahrlosung einer Gegend führen kann. In weiterer Folge kann das dann zu einem verstärkten Aufkommen von kriminellen Handlungen führen. Jene Theorie hat sich in New York bewahrheitet, wo die Zahl der Gewaltverbrechen in sanierten Stadtteilen um bis zu 75 % zurückging. Aus diesem Grund sind Großwohnsiedlungen in regelmäßigen Abständen zu sanieren und einladend zu gestalten, wobei auch gegen die soziale Stigmatisierung derselben angegangen werden sollte.

Die Zufriedenheit der Bewohner

Trotz der gängigen Vorurteile kann die Zufriedenheit der Bewohner von Großwohnsiedlungen als sehr hoch bezeichnet werden. Dies wurde sowohl durch anonyme Umfragen als auch persönlich durchgeführte Interviews ermittelt. Da sich die meisten solcher Siedlungen am Stadtrand befinden, wurden vor allem die vorhandenen Grünflächen als positiv bewertet. Außerdem fühlen sich viele Menschen "ihrer" Wohnsiedlung sehr verbunden, da die Wohnungen oftmals von Generation zu Generation weiter vererbt werden. Zu diesen Ergebnissen kam auch die österreichische Zeitung Der Standard, als diese Bewohner der Per-Albin-Hansson-Siedlung Ost (10. Wiener Gemeindebezirk) interviewte. Ein zunehmendes Problem jener Siedlung stellt jedoch die zunehmende Überalterung dar. Dem wird allerdings durch das Anwerben von Jungfamilien entgegengewirkt.

Abschließend kann gesagt werden, dass es sich bei Großwohnsiedlungen um Stadtviertel handelt, die einer besonderen Beachtung bedürfen. Hierbei soll jedoch nicht nur auf die architektonischen Merkmale eingegangen, sondern auch die Meinung über dieselben verbessert werden. Nur auf diese Weise können sich jene Siedlungen zu funktionierenden Wohngegenden entwickeln.

Quellen:

Dolores Stuttner, Dolores Stuttner

Dolores Stuttner - Ich schlüpfte im Jahr 1986 im schönen Wien aus dem Ei. Ab dem siebten Lebensjahr habe ich die Hobbys Lesen und Lego für ...

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